Der Fördererverein für hör-sprachgeschädigte Mitbürger im Kreis Recklinghausen wird 25 Jahre alt

 

Im Gebiet des Kreises Recklinghausen leben etwa sechshundert Gehörlose Mitbürger. Sie wohnen zerstreut über das ganze Kreisgebiet und können darum nicht täglich Kontakte miteinander pflegen. Diese persönlichen Kontakte zu Menschen mit der gleichen Behinderung sind für die Betroffenen aber von großer Bedeutung. Die gehörlosen Mitbürger haben kaum die Möglichkeit, Medien wie Radio und Fernsehen zu nutzen oder kulturelle Veranstaltungen zu besuchen.

 

Gehörlosigkeit bedeutet eine schwere Behinderung im Umgang mit der Umwelt. Der Gehörlose hat „seine Sprache“ nicht auf natürlichem Wege, sondern künstlich erlernt. Er verfügt darum in der Regel nur über einen relativ kleinen Bestand an Worten und Begriffen. Seine Aussprache klingt darum oftmals sehr unartikuliert. Unnatürlich ist sie oftmals auch in der Tonhöhe. Sie ist daher auch nur schwer zu verstehen. Untereinander nehmen Gehörlose Gebärden zu Hilfe, um das Gemeinte zu verdeutlichen.

 

Die hier geschilderten Symptome führen sehr häufig zu einer Isolation inmitten einer Umwelt, die wesentlich von Lauten, Tönen und Geräuschen bestimmt ist.

 

Gehörlosigkeit als Einschränkung der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit bedeutet, dass die Herstellung zwischenmenschlicher Kontakte, der Austausch von Informationen und damit letztlich auch die Erlangung von Wissen eingeschränkt und nur auf Umwegen erreichbar ist. Die mangelnde Verständigung mit hörenden Menschen führt dazu, dass das Verhalten der Gehörlosen zu den Hörenden oft unverständlich ist. Umgekehrt führt das Verhalten der Hörenden gegenüber den Gehörlosen häufig zu Frustrationen bei diesen Mitmenschen.

 

Wissenschaftliche Untersuchungen aus der jüngsten Zeit haben zeigen können, dass Schwerhörige und Gehörlose anfälliger für Krankheiten sind als die übrige Bevölkerung, weil die psychische Belastung durch die Hörbehinderung sich insgesamt auf die Gesundheit auswirkt. Es ist deshalb verständlich, dass sich die Gehörlosen, vor allem in der privaten Sphäre, oftmals von der Gesellschaft der Hörenden isolieren und es vorziehen, Kontakte mit Leidensgenossen aufzunehmen und aufrechtzuerhalten, die mit Hilfe der Gebärdensprache und des Ablesens von den Lippen Kommunikationspartner sein können.

 

Dass dieser Kreis von Mitbürgern nach einem Raum und Rahmen suchte, in dem er sich verstanden, willkommen und wohl fühlen kann, ist nur  zu verständlich, genauso wie das Sprichwort in Kreisen der Gehörlosen: „Des Gehörlosen Heimat ist der Verein.“

 

Vor diesem Hintergrund initiierte Konrad Stemmer aus Recklinghausen, persönlich betroffen als Sohn gehörloser Eltern, die Idee eines Förderervereins für hör- und sprachgeschädigte Mitbürger im Kreis Recklinghausen. 1969 war Konrad Stemmer in den Rat der Stadt Recklinghausen gewählt worden und setzte sich auch hier für die Gehörlosen ein. Bei den verschiedensten Gelegenheiten unterstützte er die Belange der Gehörlosen, vor allem bei Gericht, wo er sich als Gebärdendolmetscher zur Verfügung stellte.

 

Im April 1973 richtete Konrad Stemmer in seinem Hause am Graveloher Weg in Recklinghausen eine Beratungsstelle ein, die an jedem ersten und dritten Samstag im Monat geöffnet war. Konrad Stemmer half bei zahlreichen Problemen in vielen Bereichen: Wohnungssuche, Rentenanträge, Schwerbehindertenausweise, Ausfüllen von Formularen aller Art, Hilfe bei Behörden und Arbeitgebern, Hilfe bei persönlichen Schwierigkeiten.

 

Eine besonders wichtige Aufgabe sah er darin, durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit die Probleme der Gehörlosen den hörenden Mitbürgern darzustellen. Wie schon zu Anfang angemerkt: Der Gehörlose ist äußerlich nicht als Behinderter erkennbar, aber er fühlt sich isoliert wie auf einer Insel, ausgeschlossen von der allgemeinen Kommunikation. Ihm fehlt die Sprache. Aber er hat das gleiche Bürgerreicht auf Kommunikation und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wie jeder Nichtbehinderte.

 

Konrad Stemmer schaffte es in den folgenden Jahren, unter hörenden und gehörlosen Freunden Mitstreiter für sein Engagement zu finden. Am 25. April 1977 war es soweit: In einer gut besuchten Versammlung im Kolpinghaus in Recklinghausen wurde einstimmig beschlossen, den „Fördererverein für hör-sprachgeschädigte Mitbürger“ zu gründen. Mehr als vierzig Anwesende traten spontan dem Verein bei.

 

Konrad Stemmer wurde erster Vorsitzender, Schatzmeisterin wurde Hilde Gahlen, die Schwester von Konrad Stemmer, die später für ihre Verdienste um die Gehörlosen mit der Verdienstmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde. Konrad Stemmer erhielt später das Bundesverdienstkreuz.

 

Erklärtes wichtigstes Ziel der Arbeit des neuen Vereins war die Schaffung eines Treffpunktes für Gehörlose als Kommunikationszentrum, um sie aus der Vereinzelung und Isolation herauszuholen.

 

Zahlreiche Presseberichte der ersten Jahre belegen die Versuche und Überlegungen, die alte Schule Stuckenbusch für diese Zwecke zu nutzen. Leider scheiterte das Projekt.

 

Im Oktober 1980 konnte endlich ein erster Erfolg verzeichnet werden. Im Hause Blumenthalallee 31 in Recklinghausen in einer großen Wohnsiedlung stellte die Treuhandstelle für Bergmannswohnstätten aus Essen dem Fördererverein zwei Räume mit rund 100 qm Fläche zur Verfügung. Es zeigte sich allerdings bald, dass die Lage in einem reinen Wohnbereich bei größeren abendlichen Veranstaltungen zu nachbarschaftlichen Schwierigkeiten führte. So entstand in den folgenden Jahren aufs Neue der berechtigte Wunsch nach einem für die Belange der Gehörlosen, aber auch der Hörenden, geeigneten Gehörlosenzentrum.

 

Im Laufe dieser Zeit zeigte es sich, dass die Notwendigkeit, den Gehörlosen in Einzelfällen zu helfen und sie auch über längere Zeit bei ihren persönlichen Schwierigkeiten zu betreuen, immer größer wurde. Es war nicht mehr möglich, allen Gehörlosen gerecht zu werden. Glücklicherweise gelang es dem Vorstand des Förderervereins, nach zähen Verhandlungen mit dem Sozialamt des Kreises Recklinghausen, im Oktober 1981  Frau Hille Hartmann als Sozialarbeiterin einzustellen.. Der Kreis Recklinghausen übernahm die Personalkosten, der Fördererverein die entstehenden Sachkosten. In den Räumen des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) an der Dortmunder Straße 11 wurde eine Beratungsstelle eingerichtet. Hier muss vermerkt werden, dass der Fördererverein dem Kreis Recklinghausen und dem Geschäftsführer des DPWV , Norbert Korte, zu besonderem Dank verpflichtet ist.

 

Bereits im Jahre 1987 verhandelte der Fördererverein mit der Stadt Recklinghausen, auf dem von der Stadt für soziale Einrichtungen vorgesehen Gelände des ehemaligen Gemüsegroßmarkts am Oerweg 38 ein größeres Gebäude als Gehörlosentreffpunkt  zu erstellen. Nachdem verschiedene Konzepte, bei denen eine Beteiligung anderer sozialer Institutionen vorgesehen war, aus verschiedensten Gründen gescheitert waren, fiel die Entscheidung, dieses Zentrum unter der alleinigen Federführung des Fördervereins zu errichten.

 

Trotz vieler Hemmnisse und mancher Schwierigkeiten konnte das Gehörlosenzentrum am 14. Dezember 1990 eingeweiht werden. Den Gehörlosen stehen zusammen mit der Beratungsstelle heute 330 qm für ihre verschiedenen Aktivitäten zur Verfügung, während etwa die gleiche Fläche für Wohnungen, insbesondere für Spätaussiedler, verwendet wird. Des weiteren hat die Geschäftsstelle des DPWV hier ihre Heimstatt gefunden.

 

Dreizehn Jahre nach seiner Grundung hatte der Fördererverein sein wichtigstes Gründungsziel erreicht. Dieses Haus ist inzwischen tatsächlich die Heimstätte der Gehörlosen im Kreis Recklinghausen geworden. Es hat darüber hinaus auch zu Freundschaften der Gehörlosen und der Hörenden geführt, wie eine Menge gemeinsamer Veranstaltungen beweisen. So war die Fertigstellung des Gehörlosenzentrums nicht das Ende der Arbeit des Förderervereins, sondern gleichzeitig auch ein Anfang, denn in der Beratungsstelle konnten in den zwölf Jahren nach der Fertigstellung unter anderem auch durch personelle Erweiterung im hauptamtlichen Bereich die Hilfe- und Betreuungsmöglichkeiten erheblich erweitert werden.

 

Im  Jahre 1991 hat Konrad Stemmer nach der Verwirklichung seines größten Zieles den Vorsitz des Förderervereins an den damaligen Sozialdezernten der Stadt Recklinghausen, Hans Dieter Siepmann, weitergegeben. Der Vorstand wählte Konrad Stemmer einstimmig zum Ehrenvorsitzenden.

 

Im Oktober 1995 ist Konrad Stemmer nach schwerer Krankheit verstorben.

Er hat sich zusammen mit seiner Schwester Hilde Gahlen höchste Verdienste um die Hilfe für hör- und sprachgeschädigte Mitbürger im Kreis Recklinghausen erworben.

 

Im Jahre 2001 hat Hans Dieter Siepmann die Aufgaben des Vorsitzenden nach zehnjähriger Tätigkeit an Herrn Dr.Peter Jakobs weitergegeben.

 

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